Alexander Lauber spricht mit Aleksandra Kumorek

F: Hallo, Aleksandra! Gerade saßt Du beim Achtung Berlin Festival in der Jury und hast vermutlich viele Dutzend Filme gesichtet. Was waren Deine Eindrücke? Sind Dir irgendwelche neuen Erzähltrends aufgefallen?
A: Der Haupteindruck: Der Spielfilm-Wettbewerb war dieses Jahr (2019) sehr unpolitisch, aktuelle gesellschaftliche Themen wie z.B. die Flüchtlings- oder Klimakrise tauchten kaum auf. Viele Filme kreisten um die Lebenswirklichkeit der Generation Y. Einer davon so humorvoll und selbstironisch, dass wir ihn als Drehbuch-Jury zum Gewinner kürten – „Liebesfilm“. Anders als viele Filme im Wettbewerb, die sich auf einen minimalistisch erzählten Realismus zurückzogen, wagt es „Liebesfilm“ auch, fantasievoll zu erzählen und mit ungewöhnlichen Stilmitteln zu arbeiten. Ich hätte mir im Wettbewerb mehr von solchen mutigen Experimenten gewünscht.

F: Man sagt ja, dass Deutschland mittlerweile in vielen Bereichen, in denen es um Innovation geht, hinter der Weltspitze hinterherhinkt, zum Beispiel beim Thema Künstliche Intelligenz. Gilt dasselbe auch für deutsche Drehbücher? Sind deutsche Drehbücher international konkurrenzfähig? Und wie bewertest Du die Qualität der Drehbuch-Ausbildung hierzulande?
A: Ich kann nicht pauschal beurteilen, ob deutsche Drehbücher international konkurrenzfähig sind. Was jedoch immer wieder auffällt: Drehbücher gehen in Deutschland oft in einem viel zu frühen Stadium in die Verfilmung. Das war auch bei den Wettbewerbsfilmen sichtbar: Einige der Filme hätten sehr davon profitiert, wenn sie noch mehr Drehbuchentwicklungszeit gehabt hätten. Dieses Problem wurde übrigens auch von dem sehr hochkarätig besetzten Serien-Panel „Autor/innen an der Macht?“ bestätigt, das während des Achtung Berlin Festivals stattfand: In den USA gibt man in der Regel 15% des Budgets für Stoffentwicklung aus, in Deutschland sind es nur 3% – diese Zahlen sagen alles.

F: Die europäische Urheberrechtsreform hat zuletzt die Gemüter nicht nur von Autorinnen erhitzt. Befürworter des „freien Internet“ sowie viele Netz-Experten halten den jetzt eingeschlagenen Weg für grundverkehrt. Autorinnen-Verbände wie der VDD haben das neue Gesetz jedoch ausdrücklich befürwortet. Hast Du überhaupt Zeit, Dich mit solchen Themen zu beschäftigen?
A: Es ist notwendig, sich mit solchen Themen zu beschäftigen, und auch ich finde es richtig, dass man die Urheber, deren Werke im Internet – z.T. ja sehr intensiv – genutzt werden, entlohnt. Ob allerdings die aktuell beschlossene Urheberrechtsreform wirklich die gewünschten Ergebnisse bringen wird, werden wir sehen.

F: Wie sind Deine Erfahrungen, als Frau in der Filmbranche zu arbeiten?
A: Beim erwähnten Serien-Panel von Achtung Berlin waren ursprünglich nur vier Serienautoren eingeladen. Die Moderatorin Kerstin Polte hat daraufhin Einspruch erhoben, sodass noch eine Autorin eingeladen wurde. Ich glaube, das sagt alles. Die Zahlen von ProQuote bestätigen: Wo es im Filmbereich um Macht und Geld geht, bleiben Männer gerne unter sich, Frauen werden eher die „Randbereiche“ überlassen. Wobei sich diese Strukturen gerade massiv verändern.

F: Du bist selbst Drehbuchautorin und Dokumentarfilm-Regisseurin, unterrichtest aber auch seit Jahren Drehbuchschreiben und Filmdramaturgie im Rahmen der Drehbuchwerkstatt Berlin hier bei Scriptmakers. Was macht Dir mehr Spaß: Selbst zu schreiben oder zu unterrichten?
A: Würde mir das Unterrichten keine Freude machen, würde ich es nicht tun. Aber für mich war immer klar, dass ich in erster Linie Autorin und Regisseurin bin. Wobei… die Teilnehmer/innen meiner Seminare wissen es immer sehr zu schätzen, dass ich aus der Praxis heraus unterrichte. Ich gebe in den Seminaren nur die handwerklichen „Tools“ weiter, die ich selbst ausprobiert und für gut befunden habe.

F: Was hältst Du von Drehbuch-Ratgebern? Gibt es Bücher über das (Drehbuch-)Schreiben, die Du Deinen Kursteilnehmer*innen empfiehlst?
A: Ich bin sehr dafür, dass man sich weiterbildet und viel liest, auch Drehbuch-Ratgeber. Was ich aber meinen Seminarteilnehmer/innen immer sage: Die Modelle, die darin vorgestellt werden, sind für euch da, nicht ihr für die Modelle. Es ist gut, alle Modelle zu kennen und zu können, diese dann aber souverän einzusetzen. Einfach nur einem „Drehbuch-Guru“ zu folgen, bringt meist keine sinnvollen Ergebnisse. Gäbe es „das Geheimrezept“ für Drehbücher (wie uns manche dieser Ratgeber weismachen wollen), gäbe es keine schlechten Filme mehr. Letztendlich ist das Geheimnis guter Drehbücher sehr banal: 90% Fleiß und Handwerk und 10% Genie. Einer der Autoren sagte beim Serien-Panel sehr treffend: Gute Ideen werden überschätzt. Es gibt keinen Mangel an guten Ideen, es gibt einen Mangel an guten Autor/innen, die diese Ideen handwerklich gut umsetzen können.

F: Kommen wir noch einmal auf das Thema Künstliche Intelligenz zu sprechen. In Deinen Seminaren kommen ja auch Handlungsrahmen und -schemata vor, wie sie beim Programmieren neuronaler Netze eine Rolle spielen. Was glaubst Du: Werden menschliche Autor*innen bald von intelligenten Maschinen abgelöst?
A: In meinen Seminaren unterrichte ich, dass sich die Handlung organisch aus den Figuren und ihrer Konstellation entwickeln sollte. Ich glaube nicht, dass KI diese Fähigkeit, die sehr viel Empathie voraussetzt, ersetzen kann.

F: Erzähle uns doch bitte etwas über Deine Sehgewohnheiten und wie sie sich in den letzten Jahren verändert haben. Gehst Du zum Beispiel überhaupt noch ins Kino? Was bedeutet es für Dich, dass wir (angeblich) in einem „goldenen Zeitalter des Fernsehens“ leben?
A: Ich gehe noch immer sehr gerne ins Kino. Aber seit wann leben wir im „goldenen Zeitalter des Fernsehens“? Das Fernsehen hat über Jahrzehnte wichtige Zuschauergruppen, vor allem die jungen Menschen, verloren. Die kennen Fernsehen nur noch vom Hörensagen und haben alle ein Netflix-Abo. Allerdings verändern Netflix & Co. die Fernsehlandschaft gerade nachhaltig. Auch das war ein großes Thema beim „Achtung Berlin Serien-Panel“: Noch vor zwei, drei Jahren hätte man es sich als Autor nicht träumen lassen, solche mutigen Geschichten erzählen zu können, wie heute es heute möglich ist. Das Fernsehen kämpft gerade darum, nicht überflüssig zu werden. Davon profitieren auch sehr die Autor*innen. Das Schlusswort beim Serien-Panel lautete: Ein goldenes Zeitalter für (gute) Autor/innen bricht gerade an.

F: Du hast als Autorin auch viel mit Kindern gearbeitet. Schauen Kinder Filme anders? Und schauen Kinder heute Filme anders als Kinder gestern?
A: Ich habe als Regisseurin mit Kindern gearbeitet und schreibe auch für Kinder. Auf emotionaler Ebene ist vieles gleich geblieben, z.B. möchten Kinder gerne ein Happy End im Film sehen. Auf formaler Ebene hat sich viel geändert, denn die Kinder heute sind sehr medienerfahren, d.h. die Art und Weise, wie man erzählt, muss viel moderner sein als früher.

F: Während der „Award Season“ stellen amerikanische Studios regelmäßig die aussichtsreichsten Drehbücher eines Jahrgangs kostenlos zum Download zur Verfügung. In Deutschland gibt es so etwas nur sehr eingeschränkt. Wie wichtig ist es für Dich als Autorin, andere Drehbücher zu lesen? Und würdest Du Dir wünschen, es gäbe im Netz mehr deutschsprachige Drehbücher?
A: Das ist vermutlich nicht einfach zu bewerkstelligen: Ich beobachte, dass es oft bei Autor/innen eine große Angst gibt, jemand könnte eine Idee „klauen“. Wobei es – wie gesagt – keinen Mangel an guten Ideen gibt eher an guten Autor/innen. Es ist sicher sinnvoll, viele Drehbücher zu lesen. Aber noch wichtiger sind Exposés: Sie sind die Grundlage für Anträge bei Entscheidern und Förderungen, sie sind die Basis für das Drehbuch – und gleichzeitig das, womit Autor/innen in der Regel am meisten kämpfen. Die mit Abstand häufigste Frage, die ich höre, ist „Wie sieht ein gutes Exposé aus?“ – nicht „Wie sieht ein gutes Drehbuch aus?“ Weshalb ich jetzt auch beschlossen habe, zu dem Thema einen neuen Kurs anzubieten.

F: Hast Du schon einmal in einem Writers‘ Room gearbeitet? Was denkst Du ist das Besondere daran?
A: Nein, ich habe bisher nicht im Writers´ Room gearbeitet, deshalb kann ich nichts dazu sagen. Diese Frage wurde übrigens auch beim Serien-Panel gestellt und ausführlich beantwortet. Es war eine der spannendsten Veranstaltungen des Festivals und ich kann nur allen Autor/innen sehr empfehlen, solche Veranstaltungen wahrzunehmen. Ich habe allerdings kürzlich mit der Arbeit an einer ersten eigenen Serie begonnen – das ist ein großartiges Format, das ein präzises, figurennahes, psychologisches Erzählen erlaubt.

F: Hast Du Vorbilder? Eine Lieblingsautorin oder einen Lieblingsautor?
A: Ich habe viele Vorbilder, wobei ständig neue dazu kommen, da sich die Filmsprache ja ständig weiterentwickelt. Zu meinen Vorbildern gehören sowohl die „Klassiker“ des europäischen Autoren-Kinos (wie Antonioni oder Bergmann) als auch die modernen Autoren aus den USA und Großbritannien.

F: Über welchen Film oder welche Serie hast Du dich zuletzt so richtig geärgert?
A: Florian Henkel von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“ fand ich sehr problematisch: mithilfe von Überwältigungs-Ästhetik einen Film über das Dritte Reich zu erzählen, dazu noch mit großer Selbstverliebtheit, das geht eigentlich gar nicht.

F: Und zum Schluss noch eine Frage, die ich allen Scriptworkshops-Dozent*innen stelle: Was ist eine Geschichte?
A: Geschichten, vor allem Filme, sind „emotionales Probehandeln“. Ich sitze im Kinosessel und kann alles sein: ein Dieb, der in Träume einbricht (Inception), ein schizophrener Wissenschaftler (Beautiful Mind), ein arbeitsloser Stahlarbeiter (Full Monty). Ich kann auf emotionaler Ebene unendlich viele Erfahrungen machen. Und wenn das Licht wieder angeht, dann bin ich noch immer am Leben – egal was ich zuvor im Film erlebt habe – und kann alle diese Erfahrungen als Bereicherung in mein eigenes Leben einfließen lassen. Das schaffen gute Filme.

F: Danke für das Gespräch und viel Erfolg weiterhin mit Deinen Projekten und vor allem der Drehbuchwerkstatt Berlin.
A: Vielen Dank für das Interview.